Dr. Persson Perry Baumgartinger

Dreilinden gGmbH,
Senior Researcher Regenbogenphilanthropie

Foto: Caro Kadatz

Forschung, Lehre, Weiterbildung und Beratung. Fachbereiche: Angewandte Sprachwissenschaft, Trans/Gender Studies, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Schwerpunkte: Trans_Inter*Queer, Social Justice & Kritische Diversity, Sprache & Kommunikation, kulturelle Teilhabe & Kulturproduktion. An diversen Hochschulen und NGOs tätig, u.a. Universität St. Gallen, HU Berlin, FH Campus Wien, Universität Wien. Seit 2014 Senior Researcher bei Dreilinden gGmbH (Regenbogen-Philanthropie 3-5). 2017-2019 Senior Scientist am Kooperationsschwerpunkt Wissenschaft & Kunst, Universität Salzburg. Davor u.a. Gastwissenschaftler der HU Berlin und Visiting Fellow der Universität Bern. Förderung des Promotionsvorhabens durch das Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ der Stadt Wien sowie der Universität Wien; ausgezeichnet mit diversen Preisen. Im Rahmen des Vereins ][diskursiv (Wien) Forschung & Erwachsenenbildung zu Trans, Queer Migration und Kritischem Diversity. Publikationen: u.a. Trans Studies (Zaglossus), Die staatliche Regulierung von Trans (transcript), Kultur Produzieren (transcript).

„Wenn ich im Sommer 2022 auf diese Zeit zurückschaue, erkenne ich...“

"...dass wir zu wenig getan haben. Wir haben weiterhin Menschen vor den EU-Grenzen getötet, die Bilder sind aus den Medien verschwunden – ersetzt durch ein Virus, das wir Sars-CoV-2 nennen – bzw. sind die Bilder zur Normalität geworden. Wir haben inter Personen in ihrem Kampf für ihre körperliche und psychische Unversehrtheit zu wenig unterstützt und der Ärzt_innen-Lobby zu viel Gewicht gegeben. Wir haben aus Angst vor unserer eigenen Zukunft Geld zurückgehalten, anstatt mehr Covid-Notfall-Töpfe zu öffnen und unser Geld an besonders vulnerable Gruppen wie LSBTIQA+ Menschen, Geflüchtete, Sexarbeiter_innen, Be_Hinderte etc. umzuverteilen – in den Globalen Süden und Osten wie auch in Deutschland. Wir haben Förderprogramme aufgelöst, die LSBTIQA+ Initiativen im Globalen Süden und Osten, direkt, vor Ort und nachhaltig unterstützen, auslaufen lassen. Wir haben es versäumt, die Steuersätze für gut und sehr gut verdienende zu erhöhen und auch die Löhne der Arbeitenden nicht erhöht – im Gegenteil, wir haben denen, die ihre Arbeit verloren haben, nicht mal genug zum Leben gegeben, während manche von uns das große Geschäft gemacht haben. Wir wissen jetzt, dass wir das verabsäumt haben, weswegen es immer mehr Unzufriedenheit und Wut in der Bevölkerung gab.    

Und: wir haben uns nicht umarmt, uns hauptsächlich digital über Bildschirme gesehen und übersehen, dass wir dadurch in eine kollektive Depression gefallen sind, von der wir uns gerade beginnen zu erholen. Wenigstens haben wir die finanzielle Umverteilung begonnen und es geht heute allen etwas besser. Die Umverteilung findet heutzutage nicht nur innerhalb Deutschlands statt, sondern wir haben auch die kolonialen Strukturen und Kontinuitäten, von denen Deutschland so lange profitiert hat, endlich anerkannt und auch hier eine Umverteilung begonnen. Auch in Bezug auf LSBTIQA+Menschen sind wir einen Schritt weitergekommen: IGM sowie medizinische Zwangsmaßnahmen an trans und nichtbinären Personen sind unter Strafe gestellt, die Grenzen sind endlich geöffnet und Reisefreiheit ist gewährleistet. Wir erkennen die Verfolgung von Roma und Sinti im Nationalsozialismus an und arbeiten daran, die Mythen und Ideologien in Bezug auf Juden_Jüdinnen sowie Roma und Sinti abzubauen – insbesondere in Schulprogrammen. Wir haben endlich angefangen Diversität als eine einfache, positive, gesellschaftliche Realität anzusehen und haben aufgehört, sie als Mangel zu verstehen. Wir waren damals noch etwas dümmer und verbohrter und uneinsichtiger was Diskriminierung angeht, sind in der Zwischenzeit etwas klüger geworden und arbeiten an einer globalen sozial gerechteren Gesellschaft. Insofern schaue ich lieber ins Jetzt als in die Vergangenheit, ins Jahr 2020."

zurück zur Übersicht